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Fuera del laboratorio – Literatur und Gewalt

von Dr. Frauke Bode und Prof. Dr. Matei Chihaia
frauke_bode{at}hotmail.com; chihaia{at}uni-wuppertal.de

Dr. Frauke Bode
Prof. Dr. Matei Chihaia

Unsere Forschung behandelt ein gesellschaftlich relevantes und politisch aktuelles Thema: die Beziehung von Gewalt und Kultur in Lateinamerika. Gemäß der Schwerpunktbildung der Wuppertaler Romanistik und des interdisziplinären Zentrums für Erzählforschung (ZEF) konzentrieren wir uns dabei auf das Verhältnis von Erzählen und Gewalt.

Matei Chihaia widmet sich aktuell der Region Mittelamerika, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Nicaragua, einem Land, das nicht erst seit der Städtepartnerschaft Wuppertal – Matagalpa im Bergischen Land präsent ist. Frauke Bode hat in mehreren Forschungsaufenthalten in Argentinien insbesondere das fantastisch gestaltete Erzählen von historischen Traumata untersucht. Beide Forschungsvorhaben entstanden also fuera del laboratorio: Sie sind nicht „im Labor“ konzipiert worden, sondern dem Kontakt mit der lateinamerikanischen Kultur entsprungen – eng verschränkt mit Mobilitätsprojekten der Romanistik.

Für Mittelamerika als Forschungsregion war der zweifache Ansatzpunkt die Verleihung der Ehrenpromotion der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften an den Dichter Ernesto Cardenal und eine von der VolkswagenStiftung geförderte Sommerschule über die Kultur des Sandinismus in Nicaragua, die im Juli 2017 viele Zeitzeugen der sandinistischen Revolution, Mitglieder der Solidaritätsbewegung und Akteure von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) nach Wuppertal brachte. Dieses Ereignis ermöglichte nicht nur die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen, vor allem Geschichte, Literaturwissenschaft, Sozialanthropologie, Linguistik und Soziolinguistik, sondern vermittelte auch einen Eindruck von dem Transferpotenzial dieses Themas. Aus dieser Erfahrung entsprang das Projekt einer gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Rahmen des gemeinsamen Spanien-Zentrums (SpaZ/CeHis) konzipierten DAAD-Sommerschule, die spezifisch nach dem Verhältnis von Literatur und Gewalt fragen sollte.

Für Argentinien bot die vom DAAD geförderte Internationale Studien- und Ausbildungspartnerschaft (ISAP) mit der Universidad Nacional de La Plata (UNLP) sowie ein ergänzendes ERASMUS+ Doktoranden- und Dozierenden-Austauschprogramm Gelegenheit, Methode und Ziele mit argentinischen Kolleginnen und Kollegen zu diskutieren und die Forschung direkt in internationale Lehre einfließen zu lassen. Frauke Bodes Idee eines „seminario compartido“, eines ‚gemeinsamen Seminars‘, ermöglichte es ihr, das Thema mit Frau Dr. Soledad Pereyra von der UNLP und einer deutsch-argentinischen Kohorte zunächst ein Semester in La Plata und dann ein Semester in Wuppertal zu entfalten. Diese Form des Co-Teaching hat sich als ein Erfolgsmodell erwiesen, das schon einige andere Austauschprogramme übernommen haben und das auch in der zweiten Förderphase des DAAD-ISAP-Programms 2018–2020 in Wuppertal fortgeführt wird.

Literatur und Gewalt in Mittelamerika

Unübersehbar ist die besondere Bedeutung der Darstellung von Gewalt als Thema der neueren Literatur Mittelamerikas: Gewalt umfasst dabei das Gebiet von „political violence, guerilla movements and civil wars, bloody revolutions, brutal dictatorships, domestic violence, criminal violence, and youth violence“. An dieser Übersicht wird sofort erkennbar, wie diese lateinamerikanische Thematik die traditionellen Formen literarischer Gewaltdarstellung – von der Epik der ‚großen Kriege‘ über die Tragödie des Mords als Fehlgriff bis zur romantischen bzw. realistischen Erzählung des Konflikts von Individuum und Gesellschaft – überschreitet. Die neuere Geschichte Lateinamerikas hat in den letzten 50 Jahren bestehende Gattungen transformiert bzw. neue narrative Genres hervorgebracht, die eng mit der sozialen Realität und den genannten Formen von Gewalt verbunden sind: zum Beispiel die Testimonialliteratur, der Diktatorenroman oder die Favela-Literatur. Die 50 Jahre von 1968 bis 2018 sind in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. Im Herbst 1968 wurde in Mexiko eine Studentenbewegung durch das Massaker von Tlatelolco gewaltsam erstickt. Dieses Ereignis ist nicht nur ein historischer Einschnitt, weil durch regionale Solidaritätsbekundungen in Mittelamerika ein Prozess der Reflexion über Gewalt angestoßen wird, sondern es gibt auch Impulse zur Erneuerung der mexikanischen Literatur. Dies geschieht z. B. im Genre der Testimonialliteratur, durch Elena Poniatowskas experimentellen Roman La noche de Tlatelolco: Testimonios de historia oral [dt. Die Nacht von Tlatelolco] (1971). Aus einer erzähltheoretischen Perspektive kann man nach den Unterschieden fiktionalen und faktualen Erzählens und nach dem Verhältnis der Romane zu sogenannten „Wirklichkeitserzählungen“ fragen, also nichtliterarischen Erzählungen, die sich auf reale Ereignisse beziehen.

Auch die literarische Konstruktion von „Erzählmacht“, die über die Grenzen des Texts hinausgreift und mit anderen Formen von Macht interagiert, gehört zu den Themen, die mit dem der Gewalt verknüpft sind: Literatur beschränkt sich nicht auf die Darstellung von Gewalt: die Autoren engagieren sich in der Gesellschaft im Rahmen von literarischen und nichtliterarischen Institutionen. Als Minimalfall dieser Interaktion kann die mediale Aufmerksamkeit genannt werden, die ein erfolgreicher Roman auf ein soziales Phänomen lenkt. Die Frauenmorde von Ciudad Juárez hatten bereits internationale Empörung provoziert, als sie durch ihre fiktionale Inszenierung im Roman 2666 von Roberto Bolaño (2004) besondere Resonanz in der Literatur- und Kulturwissenschaft erhielten. Literarisches Leben steht mit verschiedenen Formen gesellschaftlicher Gewalt in Wechselwirkung. Das beste Beispiel ist hier das Festival „Centroamérica cuenta“, das seit 2012 jährlich in Managua durch den Schriftsteller Sergio Ramírez organisiert wird, und als eine engagierte Veranstaltung regelmäßig zu aktuellen Themen Stellung nimmt – nicht nur in Bezug auf Mittelamerika, sondern mit dem Anspruch globaler Ausstrahlung. Infolge des Terrorattentats auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurde die Veranstaltung 2015 beispielsweise dem Gedenken dieses Gewaltakts gewidmet. Neben dem literarischen Engagement lässt sich schließlich auch das unmittelbare politische Engagement der Autorinnen und Autoren zur literarischen Darstellung von Gewalt in Beziehung setzen. Dieses äußert sich bei einer früheren Generation wie der von Gioconda Belli oder Ernesto Cardenal in Formen von revolutionärer – auch bewaffneter – Militanz und Beteiligung an der staatlichen Regierung. Für die neueste Generation von Gegenwartsautoren spielt hingegen das Engagement in NGOs, die Gewalt im regionalen und internationalen Kontext einzudämmen suchen, eine wichtigere Rolle. Arnoldo Gálvez, internationaler Gast der Literatur Biennale Wuppertal 2018, ist ein gutes Beispiel für diese Autoren: seit 2011 koordiniert er das Kommunikationsteam von interpeace, einer unabhängigen internationalen Organisation für Friedensarbeit, in Guatemala. Das Forschungsprojekt beschäftigt sich damit, wie sich diese neuen Formen von Interaktion in ein Modell von literarischer Produktion und Rezeption übersetzen lassen, und fragt danach, welche Konsequenzen sie für den Werkbegriff, konkret für den Begriff der Erzählung, haben.

Der argentinische Fotograf Gustavo Germano zeigt in seinem Fotoprojekt ausencias – „Abwesenheiten“ – das Verschwindenlassen von Personen während der argentinischen Militärdiktatur, indem er private Aufnahmen aus den 1970er-Jahren gegenüberstellt mit aktuellen Nachstellungen der Szenen, in denen die Abwesenheit der gewaltsam entführten und ermordeten Personen sichtbar wird.
Links: Omar Darío Amestoy und Mario Alfredo Amestoy, 1975.
Rechts: Mario Alfredo Amestoy, 2006.
© Gustavo Germano. Verschwunden: Das Fotoprojekt 'ausencias' von Gustavo Germano mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976–1983 (München: Münchner Frühling, 2010), S. 12 und 13.


Trauma und Fantastik in Argentinien und Spanien

In erzählerischen Aufarbeitungen der letzten argentinischen Militärdiktatur (1975–1983) findet das Verhältnis von Literatur und Gewalt eine besondere Ausprägung: Zwar ist auch in Argentinien die Literatur der Zeugenschaft, der Doku- und Autofiktion, die eher realistischen Erzählkonventionen entsprechen, sehr verbreitet. Daneben finden sich aber auch viele Darstellungen im Modus der Fantastik. Die Romane La batalla del calentamiento [dt. Das Lied von Leben und Tod] (2006) von Marcelo Figueras und Purgatorio [dt. Fegefeuer] (2008) von Tomás Eloy Martínez, Erzählungen von Liliana Heker oder Mariana Enríquez sind aktuelle Beispiele dafür. Darin ähneln diese argentinischen Texte solchen aus Spanien, die sich mit dem Bürgerkrieg (1936–1939) und der Franco-Diktatur auseinandersetzen. Neben Romanen und Erzählungen, zum Beispiel von Manuel Rivas, der 2014 an der Bergischen Universität zu Gast war, sind hier vor allem Filme relevant, die mit dem Motiv der Erscheinung von Gespenstern, Toten und Wiedergängern arbeiten. An eine Traditionslinie, die bis in die 70er-Jahre zurückreicht, haben in den letzten Jahren zum Beispiel die beiden Filme des mexikanischen Exilfilmers Guillermo del Toro angeknüpft, der auch in Deutschland mit El laberinto del fauno [dt. Pans Labyrinth] (2006) große Beachtung gefunden hat.

Das Forschungsprojekt „Trauma und Fantastik“ geht der vergleichenden Fragestellung nach, welche Funktion das Fantastische in der literarisch-künstlerischen Verhandlung von historischen Traumata am Beispiel Argentiniens und Spaniens erfüllt, und ordnet dabei den aus der psychoanalytischen Tradition stammenden Traumabegriff im Sinne einer ‚Wiederkehr des Verdrängten‘ in die gesellschaftlichen Aufarbeitungsprozesse und die spezifischen Funktionen des kulturellen Gedächtnisses in Argentinien und Spanien ein.

Der Begriff von Fantastik – der von religiösen Mythen bis hin zu Science Fiction reichen kann – wird für dieses Projekt nach einer engeren Definition festgelegt, die sich orientiert an der ‚klassischen‘ Bestimmung des Strukturalisten Tzvetan Todorov in seiner Introduction à la littérature fantastique [dt. Einführung in die fantastische Literatur] von 1970: Er unterscheidet das Wunderbare vom Unheimlichen, je nachdem, ob die Ereignisse in der erzählten Welt unheimlich, aber erklärbar erscheinen oder ob sie in eine wunderbare Handlung integriert werden. Letzteres geschieht zum Beispiel im Märchen, wo die wunderbaren Ereignisse (z. B. sprechende Tiere) zu den Konventionen der Gattung gehören und für die Handlung nicht weiter bemerkenswert sind. Fantastik in diesem engen Sinne ist erst dann gegeben, wenn ein Text zwischen einer wunderbaren und einer unheimlichen Erklärung schwankt. Dementsprechend ist auch das Korpus der behandelten Werke scharf umgrenzt.

Ein Zwischenergebnis des Forschungsprojektes ist, dass diejenigen Erzählungen, die eher dem Wunderbaren zuzuordnen sind, tendenziell alternative Narrative mit positiver Wendung darstellen, so zum Beispiel der Film Pans Labyrinth (2006). Eher metaphorische Funktion kann den Erscheinungen des Übernatürlichen in solchen Texten zugeordnet werden, in denen sie zwar markiert, also innerhalb der erzählten Welt als bemerkenswert benannt werden, aber keinen Einfluss auf den Verlauf der Handlung nehmen. In Anlehnung an die Thesen von José Colmeiro und Jo Labanyi lässt sich feststellen, dass das ‚Gespenstische‘, insbesondere die phantasmatische Wiederkehr der Toten, den gesellschaftlichen Aufarbeitungsbedarf allegorisch aufgreift und symbolisiert.

Neben einer solchen außerliterarischen Motivierung bietet sich der fantastische Modus besonders zur erzählerischen Verhandlung des Traumatischen an, da er als das Unerhörte, welches das Ordnungssystem einer erzählten Welt stört, in Analogie zu den traumatischen Ereignissen steht. Das, was innerhalb der erzählten Welt unerhört, seltsam oder gar unmöglich erscheint, wird mithilfe des Fantastischen dargestellt. Die erzählten Ereignisse widersprechen nämlich der etablierten Weltordnung und können, ebenso wie das Fantastische als Gattung, nicht klar eingeordnet werden.

In dem Roman von Marcelo Figueras wird dies deutlich, wenn das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen, das während der argentinischen Militärdiktatur als wirkmächtiges Repressionsinstrument des Staates eingesetzt wurde, wie folgt als ‚fantastisch‘ markiert wird:

Fue entonces que empezamos a familiarizarnos con otro tipo de desapariciones. Primero desapareció el grupete al que aquí llamábamos Los Seis […]. Como no eran de aquí no nos preocupamos cuando se esfumaron […]. Por cierto, que se fuesen dejando atrás sus pertenencias era raro, pero ¿no sonaban mucho más raras, más increíbles, cualquiera de las otras posibilidades: la existencia de escuadrones de muerte, de campos de concentración?

Marcelo Figueras: La batalla del calentamiento (Buenos Aires, 2006, S. 372).

Damals fingen wir an, uns an eine andere Art des Verschwindens zu gewöhnen. Erst verschwand eine Gruppe, die wir hier Die Sechs nannten […]. Weil sie nicht von hier waren, machten wir uns keine Gedanken, als sie plötzlich weg waren […]. Gewiss, dass sie gegangen waren, und ihre Habseligkeiten zurückgelassen hatten, war seltsam, aber klangen die anderen Möglichkeiten nicht noch seltsamer, noch unglaublicher? Die Existenz von Todesschwadronen, von Gefangenenlagern?

Marcelo Figueras: Das Lied von Leben und Tod (übersetzt von Sabine Giersberg, München, 2008, S. 368–369)

Wie diese Beispiel zeigt und wie Mahlke für Argentinien herausgearbeitet hat, ist das ‚Verschwinden‘ von Regime-gegnern strukturell fantastisch, weil es dem common sense widerstrebt: dass Personen einfach verschwinden, widerspricht der Ordnung der erzählten Welt. Die traumatischen historischen Ereignisse und das Erzählen von ihnen ist daher sowohl inhaltlich als auch formal mit einem Diskurs des Gespenstischen verknüpft. Das reale Verschwinden und erzählte (Wieder-)Erscheinen stehen in einer strukturellen Analogie zueinander, welche sowohl in Argentinien als auch in Spanien insbesondere im Motiv des Wiedergängers aufgegriffen wird.

Wie das Forschungsprojekt zeigen konnte, gibt das Fantastische als Erzählweise dem traumatischen Vergangenen einen Platz im kollektiven Gedächtnis, der innerhalb eines realistischen Paradigmas nicht möglich wäre: Die Toten bekommen eine Handlungsmacht, die über den Tod hinaus und in die Gegenwart hineinreicht. Dabei lässt sich ein Dreischritt beobachten: Die erste, strukturelle Analogie zwischen erzwungenem Verschwinden, gewaltsamem Tod und der Gattung der Fantastik besteht in der Ambiguität zwischen Anwesenheit und Abwesenheit der Toten. Diese weitet sich aus zu einer zweiten, epistemologischen Analogie: Sowohl in der gesellschaftlichen und historischen Situation als auch in der literarischen Erzählung ist das Trauma durch ein Schwanken zwischen Wissen und Nichtwissen um den Seinsstatus der ‚Verschwundenen‘ gekennzeichnet. Einige Texte und Filme weisen schließlich über diese ontologische Ambiguität hinaus auf eine dritte, moralische Ambiguität: Die Toten werden im Modus des Fantastischen nicht allein als Opfer dargestellt, ihre Handlungsmacht in der Gegenwart ist oftmals verstörend, weil sie das klare Wertesystem vom ‚guten‘ Opfer unterläuft. Das Fantastische als Erzählmodus historischer Traumata stellt sich also dar als wirkmächtiges Erzählinstrument, das literarische und außerliterarische Wahrheiten infrage stellt.