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Ein Forschungsprojekt der Wuppertaler Germanistik


Arthur Schnitzler digital


von Prof. Dr. Wolfgang Lukas / wlukas@uni-wuppertal.de
 

Die Werke des großen österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler (1862–1931) sind erstaunlicherweise bis auf den heutigen Tag nicht in einer wissenschaftlichen Edition greifbar. Die Wuppertaler Germanistik plant nun die erste historisch-kritische Edition des literarischen Gesamtwerks unter Einbezug des umfangreichen Nachlasses.

Das Projekt soll als trinationale Kooperation mit den Universitäten Cambridge und Wien, mit der Cambridge University Library, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem Schnitzler-Archiv in Freiburg sowie mit dem Kompetenzzentrum für elektronische Texterschließung der Universität Trier realisiert werden. Geplant ist eine innovative digitale Online-Edition. Derzeit läuft ein Antragsverfahren bei der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Der Rang, den ein literarischer Autor in unserer Gesellschaft einnimmt, schlägt sich nicht zuletzt in den Editionen nieder, die seine Werke der Nachwelt überliefern. Diese Editionen wirken an der Konstruktion des kollektiven literarischen Gedächtnisses entscheidend mit.

Aufwendige, teure Ausgaben sind stets auch ein Indiz für den Grad an Kanonisierung und Wertschätzung, der freilich eine historische und kulturelle Variable ist. Erinnert sei hier nur an das Beispiel Georg Büchners, der zu seiner Zeit wenig galt und allenfalls von einigen Dichterkollegen geschätzt wurde. Heutzutage ist nach ihm nicht nur der bedeutendste und höchstdotierte deutsche Literaturpreis benannt, sondern sein Werk hat auch eine der reichsten und differenziertesten Editionen in der neueren Editionsgeschichte erhalten (die sog. „Marburger Ausgabe“).

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die editorische Situation bei Arthur Schnitzler, so ist man versucht, auf eine mangelnde Wertschätzung zu schließen, die im krassen Widerspruch zu seiner anerkannten Weltgeltung steht.

Dieser österreichische Dramatiker und Erzähler, der von seinen literarischen Anfängen an seit ca. 1890 rasch zu einem der bedeutendsten Protagonisten der „Klassischen Moderne“ (ca. 1890 –1930) avancierte, hat – ungleich anderen Vertretern dieser Epoche wie u. a. Franz Kafka, Robert Musil, Thomas Mann, Alfred Döblin oder Hugo von Hofmannsthal – bis auf den heutigen Tag weder eine kommentierte Studienausgabe noch eine kritische, geschweige denn eine historisch-kritische Edition erhalten.

Darüber hinaus weisen nicht wenige Leseausgaben des Fischer-Verlags – bei dem fast alle Werke zu Lebzeiten Schnitzlers erschienen sind und der bis 2001 die Veröffentlichungsrechte besaß – von Auflage Auflage einen zunehmenden Grad an Mangelhaftigkeit auf, die von kleineren Abweichungen vom originalen Wortlaut bis zu groben sinnentstellenden Fehlern reicht.  Die Editionsphilologie hat für dieses Phänomen die hübsche geologische bzw. geophysikalische Metaphorik der „Textverwitterung“ oder „Texterosion“ geprägt – als handelte es sich um einen „Naturprozess“, dem wir wehrlos ausgeliefert sind.

Die Gründe für diese desolate editorische Situation sind vielschichtig und können an dieser Stelle kaum angedeutet werden. Eine Rolle mag die bereits zu Lebzeiten einsetzende und (im Feuilleton) bis auf den heutigen Tag andauernde klischeehafte Rezeption spielen, die Schnitzlers Werke auf einige stereotype, mit dem Wien der k.u.k-Zeit verbundene Motive wie „Liebe“ (der Autor des „süßen Mädels“), Spiel, Tod und Traum (der „Doppelgänger Freuds“ etc.) reduziert und die damit den Blick auf seine eigentliche Bedeutung verstellt.

Entgegen solchen hartnäckigen Klischeevorstellungen weist sein Werk eine enorme thematisch-motivliche Bandbreite auf und verknüpft brennpunktartig eine Vielzahl diskursiver Stränge aus der Sozial-, Anthropologie-, Gender-, Denkund Wissensgeschichte der Epoche. Mit einer Neuedition würde also nicht zuletzt die nötige Basis für vielfältige – literaturwissenschaftliche, editionswissenschaftliche wie auch kultur- und medienwissenschaftliche – Anschlussforschung geschaffen werden.

Die seit Jahren bestehenden Bestrebungen, diesem Missstand Abhilfe zu verschaffen, haben sich nunmehr in Gestalt eines trinationalen Editionsprojekts konkretisiert: Es kooperieren drei Universitäten – neben der Bergischen Universität (Prof. W. Lukas, Prof. M. Scheffel u. a.) die Universitäten Cambridge (Prof. A. Webber u. a.) und Wien (Prof. K. Fliedl u. a.) –, mehrere Archive bzw. Bibliotheken – Cambridge University Library, Deutsches Literaturarchiv in Marbach und Arthur-Schnitzler-Archiv in Freiburg i. Brg. – sowie das Kompetenzzentrum für elektronische Erschließung und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier (Dr. Thomas Burch).

Die Edition soll als sog. „Hybridausgabe“ realisiert werden, d. h. neben einer Buchausgabe, die das Werk in Auswahl bietet, soll eine Digitale historisch-kritische Gesamtausgabe erstellt und im Rahmen eines von der Universitätsbibliothek in Cambridge beherbergten Arthur-Schnitzler- Online-Portals zur Verfügung gestellt werden.

Erstmalig soll auch das umfangreiche überlieferte Nachlassmaterial in Vollständigkeit ediert werden. Es umfasst zum einen Vorarbeiten zu den publizierten Texten, zum anderen zahllose unveröffentlichte Werke, die in unterschiedlichem Vollendungsgrad vorliegen, von der ersten notierten Idee über Skizzen und Entwürfe bis zu ausformulierten Dramen und Erzähltexten, die Schnitzler nicht zur Veröffentlichung bestimmt hat.

Das wechselvolle und abenteuerliche Schicksal dieses Nachlasses stellt ein bemerkenswertes Stück deutsch-österreichischer Geschichte dar. Dank der Initiative des britischen Doktoranden und späteren Germanistikprofessors Eric A. Blackall und mithilfe des britischen Konsulats konnten Schnitzlers Papiere vor den deutschen Nationalsozialisten gerettet werden, die nach dem Einmarsch in Österreich 1938 auch die Zerstörung dieses Materials vorhatten und mehrmals Schnitzlers Wiener Wohnhaus, in dem nach seinem Tod 1931 der Nachlass aufbewahrt wurde, durchsuchten. Blackall organisierte buchstäblich in letzter Minute eine Schenkung an die Cambridger Universitätsbibliothek, wo der Hauptteil des Nachlasses – ca. 40.000 Blatt – seitdem aufbewahrt wird.

Ein weiterer wesentlicher Teil des Nachlasses (primär Ego-Dokumente: Korrespondenz und Tagebücher) befindet sich im Literaturarchiv Marbach, geringe Bestände zudem in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, in der Fondation Bodmer in Genf sowie in der Jewish Library in Jerusalem.

Die Bedeutung dieses Materials resultiert nicht zuletzt aus der Arbeitsweise des Autors. Schnitzler schrieb seine Texte nur in Ausnahmefällen „in einem Zug“; in der Regel feilte er mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte, mit Unterbrechungen, an einem Werk: So geht das nach 1920 erschienene Spätwerk auf Ideen und Entwürfe der 1890er-Jahre zurück und weist somit Bearbeitungszeiten von 30 bis 40 Jahren auf!

Wenngleich Schnitzler extrem strenge Qualitätskriterien für die Publikation anlegte und damit eine strikte Grenze zwischen autorisierten und nichtautorisierten Texten zog, erkannte er selbst bereits dem „Unvollendeten“ wie auch dem „Misslungenen“ einen Eigenwert zu. In seinem Tagebucheintrag vom 30. März 1916 antizipierte er die Möglichkeit einer Nachlassedition, die diese Grenzziehung neutralisiert und den Arbeitsprozess als solchen in ihren Mittelpunkt stellt: „Manches von dem unvollendeten, ja dem mißlungnen wird denen, die sich in 50 oder 100 Jahren für mich noch interessiren gerade so interessant oder interessanter sein als das gelungene, das fertig gemachte.“

Die Edition dieses bislang unbekannten Materials, die aufgrund der zum Teil äußerst schwer zu entziffernden Handschrift eine besondere Herausforderung darstellt (vgl. Abb. 2 u. 3), wird erstmals einen Einblick in die Werkstatt gestatten und damit die Rekonstruktion dieses dichterischen Arbeitsprozesses ermöglichen.

Dabei wird sich nicht nur Schnitzlers schier unerschöpflicher inhaltlicher Variantenreichtum erweisen, sondern schreibstrukturelle Aspekte im Sinne einer Genealogie der poetischen Imagination werden sichtbar: Zu verfolgen ist, wie etwa im Laufe des Bearbeitungsprozesses eines Werks aus einem Entwurf zwei verschiedene Werke entstehen – „genetische Bifurkationen“ (u. a. „Der einsame Weg“ und „Professor Bernhardi“; „Hirtenflöte“ und „Komödie der Verführung“) – oder umgekehrt die Entwürfe zu zwei verschiedenen Werken schließlich in eines münden – „genetische Fusionen“ („Stunde des Erkennens“ und „Erinnerung“) etc.

Das gesamte Werk konstituiert sich dergestalt als dynamisches, doch zugleich kohärentes System vielfältigster Transformationsprozesse, Verzweigungen und Vernetzungen. Mit dem für ihn so typischen Phänomen des Gattungswechsels – von der Novelle zum Drama („Komödie der Verführung“) oder umgekehrt vom Drama zum Roman bzw. zur Novelle („Der Weg ins Freie“; „Die Frau des Richters“) – bzw. mit dem Phänomen der gleichzeitigen Ausarbeitung ein und desselben Stoffes als Drama und als Prosatext (Abenteurer-Stoff) bietet der Schnitzlersche Nachlass ferner reichlich Material für gattungs- und erzähltheoretische Fragestellungen.

Die Ausgabe soll im Rahmen eines Online-Portals realisiert werden, welches die Funktionen eines Archivs und einer Edition vereint. Sämtliches überliefertes Material – Manuskripte wie Typoskripte – wird digital reproduziert und mit den editorisch hergestellten Transkriptionen und Texten verknüpft.

Nicht nur die schiere Quantität des Materials legt hier eine digitale Lösung nahe, sondern eine digitale (Faksimile-)Edition ist dem traditionellen Buchmedium in mehrerlei Hinsicht qualitativ überlegen. Wo das Buch zwischen Alternativen entscheiden muss – z. B. Anordnung der Werke chronologisch oder nach Gattung? Abbildung der Werkgenese synoptisch-zusammenfassend oder in Gestalt separatsukzessiver Einzeldarstellungen? etc. – bietet die digitale Edition ein „Sowohl als auch“ und ermöglicht damit generell multiple Perspektiven auf ein und dasselbe Werk und so eine Pluralisierung der Benutzermöglichkeiten.

Darüber hinaus lässt sich die Dynamik des Schreibprozesses im digitalen Medium wesentlich besser darstellen. Insbesondere können die für Schnitzler so typischen langfristigen Schreibprozesse mit ihren vielfachen Stoffverzweigungen über Text- und Gattungsgrenzen hinweg in ihrem Systemcharakter und in ihrer Interdependenz überhaupt erst im digitalen Medium mittels hypertextueller Strukturen und nicht-sequentieller Ordnungsmuster ideal repräsentiert werden, während das lineare Buchmedium hier notwendig zu Arthur Schnitzler digital Mehrfachabdrucken bzw. Verweisungen auf entfernte Orte im Druck gezwungen ist.

Die digitale Edition bietet schließlich die Möglichkeit der optimalen wissenschaftlichen Aufbereitung der Texte durch deren umfassende Relationierung und Kontextualisierung. So soll der Benutzer bequem zwischen Faksimile, diplomatischer (urkundengetreuer) Umschrift und den textgenetischen Wiedergaben wechseln und, je nach Fragestellung und Erkenntnisinteresse, verschiedene Lektürepfade einschlagen können.

Zum anderen wird eine neue Form des Kommentars denkbar, der Schnitzlers Texte mit zusätzlichem dokumentarischem Material zur Quellen- wie zur Rezeptionsgeschichte, etwa relevanten zeitgenössischen literarischen, wissenschaftlichen oder publizistischen Texten anderer Autoren, aber auch Bild- oder Tonmaterial, verknüpft. Dergestalt kann das Schnitzler-Portal zu einem attraktiven multimedialen Informations- und Forschungsportal ausgebaut werden.

Vorgesehen ist die Auszeichnung der Daten mithilfe der Comptersprache XML (Extensible Markup Language) auf Basis der für geisteswissenschaftliche Vorhaben entwickelten TEI-Guidelines (Text Encoding Initiative).

XML ist eine anwendungsneutrale Metasprache zur Beschreibung und Strukturierung von Dokumenten, die als internationaler Standard (W3C) definiert ist und für Editionen zunehmend eingesetzt wird, da sie in puncto Nachhaltigkeit (langfristige Datenkonservierung), Medienneutralität (beliebige Überführbarkeit und Aufbereitung der Daten für eine digitale oder eine Buchpublikation) sowie Operationalisierung (Automatisierbarkeit von Arbeitsabläufen und optimale Recherchierbarkeit von Daten) enorme Vorteile bietet.

Die digitalen Lösungen für die editorischen Konzepte werden in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Trier, das über lange Erfahrung in der Betreuung von „born digital“-Projekten und Retrodigitalisierungsprojekten verfügt, entwickelt.

Jenseits des literatur- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns situiert sich das Projekt in innovativer Weise an der Schnittstelle zwischen Philologie und Medientechnologie/ Informatik. Weit davon entfernt, lediglich instrumentalen Charakter zu besitzen, soll der Einsatz computerphilologischer Techniken und Methoden vielmehr neue Sichtweisen auf das Objekt generieren.

Die Wuppertaler Germanistik kann mit diesem Projekt sowohl an derzeit bestehende literarhistorische Forschungsschwerpunkte im Bereich der Klassischen Moderne allgemein und zu Schnitzler im Besonderen anknüpfen als auch die lange Wuppertaler Tradition an editorischer Arbeit und Editionskompetenz fortsetzen, die sich in den letzten 40 Jahren in den kritischen Ausgaben und Projekten zu Clemens Brentano, den Brüdern Grimm, Hugo von Hofmannsthal, Else Lasker-Schüler, Franz Kafka u. a. niedergeschlagen hat. Ein besonderer Synergieeffekt ist nicht zuletzt auch durch den neuen Master-Studiengang „Editions- und Dokumentwissenschaft“ zu erwarten, der in diesem Wintersemester angelaufen ist und die Möglichkeit einer optimalen Integration von aktueller Forschung in die Lehre bietet.

Für das geplante Projekt konnten dank einem Aufenthalt des Autors im Archiv der Cambridge University Library wichtige Vorarbeiten geleistet werden. Unterstützt wurden und werden die Antragsteller durch Vivien Friedrich M.A., ehemalige Kustodin am Schnitzler-Archiv in Freiburg, die derzeit im Rahmen der universitätsinternen ZEFFT-Förderung eine Mitarbeiterstelle innehat. Bei der Nordrhein-Westfälischen Akademie wurde das Projekt als Langzeitvorhaben (15 bis 18 Jahre) eingereicht. 

www.fba.uni-wuppertal.de/germanistik/
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