Was weiß ich schon,
was wissen wir bloß?
von Prof. Dr. Eckhard Freise
Was auch gelten könnte für: Wissen wird Macht. Dahinter verbirgt sich ein treffender Buchtitel: Ein gelehrter Kollege (Martin Kintzinger) wies nach, wie über die Wissensdisziplinen aus Antike und Mittelalter gelehrte Bildung und praktische Kenntnisse zum zentralen Faktor gesellschaftlicher Karrieren wurden. Motto des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft (von Marie von Ebner-Eschenbach): „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. Das stammt noch aus dem wissenschaftsgläubigen späten 19. Jahrhundert.
Heute scheint Aneignung von Wissen die alle und alles umfassende Formel für Ansehen und Fortkommen zu sein. Schauen wir auf Publikationen der jüngeren Zeit – auch Parodien sind nicht fern, Beispiel „Alles, alles über Deutschland. Halbwissen kompakt“ (Jan Böhmermann). Kann man an Nonsens pur reales Wissen andocken? Womit sich die Kardinalfrage aller jüngeren Wissenskompendien stellt: „Was jeder wissen muß“, so Dudens Großes Buch der Allgemeinbildung. Es herrscht der einschüchternde Kategorische Imperativ, besser: Absolutismus des Wissenskanons als „hierarchische Struktur“ (Sarrazin).
Wissenstest ist gefragt, zumindest auf den ersten Blick. Gibt man dieses Stichwort in eine Suchmaschine ein, ergeben sich über eine Million Links. Vom Suchbegriff „Allgemeinbildung“ existieren im WWW fast 7 Millionen Belege, „Bildung“ ergibt fast 30 Millionen Links. Zentrale Kategorien wie „Geschichte“, „Wissen“ und „Sprache“ erzielen 44 bis 57 Millionen Links, aber „Mathematik“ und „Physik“ nur je 8,4 Millionen.
Der Mythologie zufolge erwürgte die Sphinx vor Theben den Wanderer, wenn er das Gleichnis von den menschlichen Lebensaltern und ihren Gliedern nicht verstand. Die chinesische Prinzessin Turandot ließ glücklose Freier köpfen, wenn sie drei Aufgaben nicht gewachsen waren. Im Zusammenklang von Wissen und Rätselabenteuer steckt ein Ursprung der Kultur, nach agonalem Prinzip: Es geht um Kopf und Kragen. Die „Blutgier“ auf „verfeinerte Überlebenskämpfe“ tobt sich heute auf dem Felde der Allgemeinbildung aus.
Wer meint, die „Wissensgesellschaft“ sei hierdurch infantilisiert, verkennt, dass sie nur als amüsierte Zuschauerin bei ihrer eigenen Parodie anwesend ist. Im familiären „Trivial Pursuit“ wie auch in einer TV-Rateshow „verschmelzen Kandidaten und Publikum“ – aber tatsächlich zu einer egalitären „Community“? Oder ist nicht vielmehr bei der „allgemeinen Bildung“ – nach Hartmut von Hentig ohnehin ein „tautologisches Attribut“ – die „Bildung in einem prägnanten Sinn zu denken“? „Zur Bildung gehört auch die Fähigkeit, Bildung als soziales Spiel zu beherrschen“, so Dietrich Schwanitz. „Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte“ überschrieb Ernst Peter Fischer sein Plädoyer für eine „doppelte Bildung“ – und verfiel im Kosmos der Atome und Universen der Suche nach ewig Wissenswertem.
Beliebigkeit in der Speicherung von Informationen ist bei „wahrer Bildung“ eingeschränkt. Darunter leidet die Kommunikation mit jener Allgemeinheit, die sich im Portikus der Wissenstempel drängelt, ohne Standesschranken althergebrachter Bildungsgüter zu überwinden. Artikel, die das Geschlecht von Wörtern bestimmen, sind immer noch ein kleines feines Mittel der Distinktion höherer Bildung und Sprachbeherrschung. Nur sattelfeste Grammatik-Kenner stolpern nicht, wenn ein geheimes Bildungsmerkmal, eben Latein, die korrekte Artikelvergabe regelt. Das zur Unterhaltung betriebene Examinieren wurde schon seit mindestens 200 Jahren im angelsächsischen Kulturraum gepflegt, mitsamt Druckorganen „The Quiz“ und „Quizzical Gazette“.
Hier ist Allgemeinbildung längst verlassen. Den Allgemeinbildnern täte überdies forschende Kombinatorik gut. Weshalb quiz im georgianischen Englisch aufkam, ist nicht erklärt. Den richtigen Weg zeigt der älteste Beleg: Ay, he’s a queer Quis (sic). Also doch Latein? Der universitäre Bildungsslang damals kennt so manche altphilologische Einbürgerung.
Ist das pures Hobbywissen? Das deutsche „Steckenpferd“ und das englische „Hobby-Horse“ sind von ihrer Wortbedeutung auf kindliche Vergnügungen abgestellt. An die Rangleitern der Wissensgesellschaft, die über den Abgründen des Unwissens schweben, kann die Menschheit nicht früh genug herangeführt werden. Entscheidend ist persönliche Erfahrung. Dem Informatik-Einsteiger ist erinnerlich, dass die ihn umgebende Datenflut dem hexadekadischen System gehorcht, auf der Basis 16. Im Reich der Binärzahlen steht „11“ für die Drei, das dezimale „1+1“ wird als „10“ geschrieben. Dergleichen dürfte nur eine Minderheit beherrschen. In der Praxis ist es nicht vonnöten.
Jenseits eingeschworener Mathematiker war auch früher einem Erwachsenen die Existenz anderer Zahlensysteme nur indirekt bewusst, aus dem Alltag traditioneller Zählmaße, wo zwölf Dutzend Eier ein Gros bildeten, die Unze das Zwölftel eines Gewichtsmaßes war und die Messlatte Zollstock hieß. Die apostolische Zahl 12 galt als heilig – anders als das Teufelsdutzend. „Dreizehn bei Tisch“ (Krimimotiv bei Agatha Christie) brachten Unglück, da beim Abendmahl Christi noch der Verräter Judas anwesend war – ein klarer Fall von Triskaidekaphobie, der Angst vor der Zahl 13. Die böse 13. Fee ließ Dornröschen in 100 Jahre Schlaf fallen. Die 13. Karte im Tarotspiel ist der Tod, was wiederum auf Judas’ Selbstmord deutet.
Der Rekurs auf uralte Zähltechniken, das Verschieben von Kalksteinchen, den Calculi, auf einem Rechenbrett, demonstriert Basiskenntnisse aus der Vergangenheit. Die Wortgeschichte „Kalkül“ (von calculus abgeleitet) führt zur Weggabel von Umgangssprache und Fachsprache: Das Kalkül im allgemeinen Gebrauch heißt „Berechnung“, der Kalkül wird in der Logik und Mathematik als korrekt verwandtes Regelsystem definiert, gegründet auf der von Leibniz und Newton entwickelten Infinitesimalrechnung, die heute als mathematisches Teilgebiet „Analysis“ figuriert.
„Die meisten Menschen ahnen nicht, in welchem Maß sie in ihrem Alltag, aber auch in ihrem Weltverständnis abhängig sind von den Leistungen einer langen Reihe von Forschern, deren Namen sie nie gehört haben“ (Hans Magnus Enzensberger).
Fremdartig, weil aus dem Mittelalter stammend: Der indische Astronom Brahmagupta († 668) und die Ziffer Null, die als „al-cifr“ ins Arabische übernommen wurde; der persische Universalgelehrte Al- Chwarizmi († vor 850), dessen latinisierter Name („Meister Algos“) die Folie abgab für den Fachterminus Algorithmus; der Notarssohn Fibonacci aus Pisa († nach 1241), der auf seinen Bildungsreisen zwischen Tunis und Konstantinopel Techniken der Mathematik und Geometrie lernte – recht unbekannte Größen. Wem ist schon beim Lösen eines Sudoku bewusst, dass ein „Lateinisches Quadrat“ der Ordnung Neun von Leonhard Euler († 1783) stammt?
Zahlensequenzen besitzen Anziehungskraft wie Magie, gerade auf Ignoranten, die Okkultes vermuten. Im Dan Brown-Thriller „The Da Vinci Code“ (zu deutsch: „Sakrileg“) spielt „0 1 1 2 3 5 8 13 21“ etc. eine maßgebliche Rolle, die Fibonacci-Folge, wonach jede Zahl die Summe der beiden vorhergehenden Zahlen darstellt. Es fällt auf, dass Mathematikern die Aura von Hohepriestern angedichtet wird.
In Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ erhebt sich Kritik an Kultur, die auf feuilletonistisches Niveau abgeglitten sei. Nachleben im kulturellen Gedächtnis bedarf in der Tat gut erinnerlicher Stützpfeiler, an denen auch scheinbar Triviales wie Anekdoten und Merksprüche verankert ist.
Nach Nobelpreisträger Niels Bohr ist ein Atommodell, das letzte für Laien verständliche, auch ein chemisches Element, Bohrium benannt. „Gib nur erst acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren“ (Mephisto in Faust I). Tiere und Menschen in physischer Natur wecken den Verhaltensforscher im Bildungsbürger, zumal wenn gilt „Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie 500 Säuen“ (Goethes Studenten).
Was Deutschen das „Versuchskaninchen“ ist, kommt Engländern als guinea pig. Weder ist es ein Schwein, noch kommt es vom Meer (vielmehr aus den Anden). Andere Gattungen aus Brehms Tierleben sind verschwunden, so das Fabelwesen Einhorn, das ein Rhinozeros war. Die Geschichte in Cäsars „De bello Gallico“, die Germanen erlegten nachts Elche, indem sie die Bäume ansägten, an die sich die Tiere im Schlafe lehnten – Humanistenlatein.
Politik ist das Zusammenwirken von Netzwerken sozialer Communities – „Newspeak“ dieser Art zu durchschauen, ist nicht einfach. Wie hältst du es mit dem Nonsens-Wissen? Kann es so etwas geben – die „Deutsche Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“ – das riecht nach Donald Duck, Entenhausen, deshalb nach Ente oder im Berufsjargon der Zeitungsmacher ausgedrückt: n.t. non testatum. Ist es aber nicht! „D.O.N.A.L.D“ (laut eigener Homepage) – ein Akronym, das sich nur Professoren und Journalisten ausdenken konnten, die mit tierischem Ernst zu Werke gehen: Ente gut, alles gut.
Abkürzungen und ihre Auflösungen sind vertrackt, zumal wenn sie sich auf krummen Wegen in das kollektive Hirn der Öffentlichkeit geschlichen haben – wie jenes o.k., das gesprochen oder geschrieben Zustimmung signalisiert. Schlimmer noch, als OK-Button reguliert es fast jedes digitale Menü. Woher kommt es?
Ältester gedruckter Beleg in der „Boston Morning Post“ 1839: „et ceteras(!), o.k. – all correct”. Diese arg kryptische Zeile führt ins Setzer- und Redakteursmilieu der nordamerikanischen Ostküste, direkt in dessen Abkürzungsslang. Liest man das Zeitungszitat genau, springt eine grafische Variante ins Auge: Die in Schrift- und Druckbild gängige Abkürzung etc. sieht aus wie o.k. Die Sinnfrage des Kürzels stellt sich nicht mehr. In seiner steten Wiederkehr liegt der Wert.
Wissenswert erscheinen Sentenzen, in denen sich ein beträchtlicher Bevölkerungsanteil (nicht nur aus bildungsferneren Schichten) wiederfindet, etwa: „Kein Drama kann so übersichtlich sein wie ein Fußballspiel“. Ironisch ist dies, weil Sportreporter so nie formulieren würden. Ausgerechnet Sportverächter Reich-Ranicki hat den apodiktischen Spruch geprägt. Sollte er das von ihm dominierte „Literarische Quartett“ im ZDF als Viererkette organisiert haben?
Auf den televisionär eingestimmten Menschen unserer Tage stürmen permanent Verständnisprobleme ein. „Woher stammt der rote Teppich?“, der beliebte Wandelflor, eines der Symbole, hinter denen sich Geheimnisse des Alltags in Politik und Prominenz verbergen. Zitiert wird gern Aischylos, weil in der „Orestie“ Troja-Eroberer Agamemnon auf einem blutroten Teppich empfangen worden sei, von mordlüsterner Gattin und Nebenbuhler. Allerdings wurden die Aischylos-Tragödien erst dem Humanismus, nur in einem einzigen Manuskript über Konstantinopel zugetragen. Dort residierten die oströmischen Kaiser in Palästen, die mit dem seltenem vulkanischen Gestein geschmückt waren: Nur auf Porphyrscheiben durften sie in den Empfangshallen schreiten. Eben jene Tradition übernahm Papst Paschalis II. um 1100, um sein kirchliches Reformprogramm mit imperialem Anspruch gut sichtbar zumachen. Der älteste westliche rote „Teppich“ liegt im Fußboden von S. Clemente zu Rom und besteht aus Porphyrplatten.
Identitätsstiftung sollte sie bewirken, die Macht der Farben auf Symbolen, Nationalflaggen, aber auch Fußballtrikots. Das alte Heilige Römische Reich war immer schon Schwarz-Gelb (schwarzer Adler auf goldenem Grund). Weiß-Schwarz – die Wappenfarben der Hohenzollern, aber auch die Tracht des Deutschen Ordens, staatlich Vorgänger des Königreichs Preußen – gingen politisch in das „kleindeutsche“ Schwarz-Weiß-Rot über, beim Norddeutschen Bund und beim Deutschen Kaiserreich 1871. Die Heimtrikots des Deutschen Fußballbundes blieben.
Wer hat Schwarz-Rot-Gold erfunden? Ein Schweizer, ein Alemanne aus dem Aargau, beliebt, ungebildet, sparsam – und reichsbewusst. Noch 1861 ließ der 1. Wiener Turnverein seine schwarzrotgoldene Fahne taufen. Wo? In der Ostsee. Kulturelles Gedächtnis kommt nicht ohne Stereotype aus. Da sich das Erinnerungsvermögen ständig umorganisiert, bedarf es (vermeintlich) untrüglicher Fixpunkte.
Wörter, Begriffe, Texte sind sprachlich begrenzt – „Bilder, die bewegen“, hingegen nicht?! Mona Lisa ist ein Exempel für Bilder als kulturelles Gedächtnis. Ihr von Leonardo da Vinci geschaffenes Konterfei hängt im Louvre – vielfach kopiert, wir haben sie adoptiert. Unbestritten ist keinesfalls, dass eine Florentiner Seidenhändlersgattin Porträt saß. Meine überprüfte These: Leonardo hat Mona Lisa tatsächlich 1503 zu malen begonnen. Diese Fassung blieb unvollendet und wurde nicht abgeliefert. Zehn Jahre später erteilte der Medici-Fürst dem Meister einen zweiten Auftrag für dasselbe Porträt, das in einem Zuge nach Vorlage vollendet wurde. Erhalten ist nur die zweite Version, ein Alterswerk – mit einem gruseligen Hintergrund, der Leonardos damalige Ängste vor einer Weltüberflutung spiegelt, zeitgemäß – wie in Dürers Stich Melencolia I 1514.
„Wir besitzen von der Welt nur formlose, fragmentarische Vorstellungen, die wir durch willkürliche Ideenvorstellungen vervollständigen, aus denen sich gefährliche Assoziationen ergeben“ (Marcel Proust). Entwickelt werden solche Anflüge von Ideen auf der Grundlage vorgegebener Denkgewohnheiten. Daraus resultierende Annahmen greifen auf die nächstliegenden Wissensbrocken zurück. Jeder Teilnehmer an Wissenstests entscheidet sich nach einer ihm eigenen „pragmatischen Maxime“ (Charles S. Peirce).
Somit steht er eben nicht vor einem echten Dilemma wie der arme Esel des Scholastikers Johannes Buridanus. Die Parabel, das Tier sei verhungert, weil es die Wahl zwischen zwei gleichgroßen Heuhaufen nicht treffen konnte, erscheint paradox: Der Testesel wird willkürlich die rechte (oder die linke) Portion für größer erachten und nachher komplexe Gründe anführen, die seinen angeblich freien Willen beeinflusst haben.
(Auszüge aus einer Vorlesung der Reihe „Hörsaal“ des Deutschlandradios/DRadio Wissen am 13. Oktober 2010 an der Bergischen Universität.)
