Wuppertaler Impulse für die internationale Jugendsprachforschung
Die andere Sprache der Jugend
von Prof. Dr. Eva Neuland / neuland@uni-wuppertal.de
Es geht um neue Perspektiven auf den Sprachgebrauch Jugendlicher: Differenzen statt Defizite; Heterogenität statt Homogenität; Innovation und Konvention – und dies alles interdisziplinär und interkulturell. Die Wuppertaler Jugendsprachforschung ist interdisziplinär wie international gut verankert und weist rege Nachwuchsförderung und Publikationstätigkeit auf.
Abb. 1: Titelbild „Jugendsprache – Eine Einführung.“
von Eva Neuland, UTB 2397, 210 Seiten, Narr Francke
Attempto Verlag, Tübingen 2008.
Darin liegen zugleich Probleme und Chancen für die linguistische Jugendsprachforschung:
- Probleme, weil öffentliche Interessen und mediale Erwartungen zu einer Verkürzung und vorschnellen Verwertbarkeit wissenschaftlicher Forschungsergebnisse führen können („Wann machen Sie endlich mal ein Wörterbuch zur Jugendsprache?“),
- Chancen, weil die Forschungsergebnisse in geeigneter Form von Öffentlichkeitsarbeit (z. B. in der Lehrerfortbildung) zur Dekonstruktion von Klischees und zur Aufklärung über Sprachkompetenzen von Jugendlichen beitragen können.
Das Wuppertaler DFG-Projekt: Sprachgebrauch und Spracheinstellungen von Jugendlichen in Deutschland (2000 – 2003) konnte durch Erhebungen an über 1000 Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren in neun Bundesländern eine breite empirische Basis für die linguistische Jugendsprachforschung in Deutschland schaffen.
Die Erkenntnisse über Sprachgebrauch und Spracheinstellungen „durchschnittlicher“ Jugendlicher in Hauptschulen, Gymnasien und berufsbildenden Schulen in Deutschland können zweifellos einen verlässlicheren Einblick in die Realität deutscher Schülersprache und die Sprachkompetenzen Jugendlicher vermitteln als Spezialstudien zu ausgewählten Szenesprachen (z. B. „Kiezdeutsch“).
Einige der durch eine Methodenkombination von Fragebogenerhebungen und Korpusanalysen gewonnenen Ergebnisse seien im Folgenden vorgestellt, wobei die jeweils neuen Perspektiven auf Differenz, Heterogenität und Innovation gegenüber der herkömmlichen Sicht auf Defizite, Homogenität und Konvention akzentuiert werden.
Differenzen statt Defizite:
Eine immer wiederkehrende Argumentationsfigur in Medien und Öffentlichkeit ist die These, dass Jugendsprache ein Symptom für den Verfall der deutschen Sprachkultur darstelle. Brennpunkte der aktuellen öffentlichen Sprachkritik sind die (Vor-)Urteile, Jugendsprache sei „Fäkalsprache“, „Comicsprache“ (in neuerer Version „SMS-Spache“), sei „Denglisch“, „Kanaksprache“ und bilde eine Verständigungsbarriere zwischen den Generationen.
Die linguistische Jugendsprachforschung hat demgegenüber den Blick auf die – unspektakuläreren – Differenzen des Sprachgebrauchs Jugendlicher gelenkt, und zwar auf Veränderungen:
- von Wortformen (z. B. Tussi aus Thusnelda, Proll aus Prolet/Proletarier) und von Wortbedeutungen, zumeist in Form von Bedeutungserweiterungen und -aufwertungen (z. B. bei geil, Braut, Penner),
- aber auch von Sprachhandlungsmustern (z. B. assoziative Sprachstilbasteleien, Muster des Frotzelns, Lästerns und Dissens),
- und Gesprächsregeln (z. B. Angebotskommunikation, sog. „Topping“).
Diese Charakteristika zeigen, dass Jugendsprache in der Regel als spontane Gruppenkommunikation, und zwar ganz überwiegend in der Domäne der Freizeit realisiert wird und weniger eine individuelle als eine kollektive Art des Sprachgebrauchs darstellt.
Jugendsprache dient, so unsere Befunde, heute im besonderen Maße der Vergemeinschaftung und Identifikation innerhalb jugendlicher Gruppen und Szenen, während die Abgrenzungsfunktion zu anderen Generationen, zumindest im Bewusstsein der Jugendlichen, heute nicht mehr eine so zentrale Bedeutung hat, wie z. B. in der antiautoritären Schüler- und Studentenbewegung der 1970er-Jahre.
Abb. 2 und 3: Vollkrass und endcool: Jugendliche vor einer Skateboardhalle.
- „Unsere Sprache ist die Zukunft und da kann keiner etwas dran ändern, denn jede Generation hat ihren Teil zur deutschen Sprache beigetragen.“ (19-jähriger Berufsschüler aus Gießen)
- „Weil sie für mich die Jugend und Phantasien unserer heutigen Generation ausdrückt.“ (15-jährige Gymnasiastin aus Rostock)
- „Weil Jugendsprache fetter ist als das Gelaber von Erwachsenen.“ (18-jähriger Berufsschüler aus Wuppertal)
Heterogenität statt Homogenität:
Während die Annahmen der früheren Jugendsprachforschung von einer Homogenität einer deutschen Jugendsprache ausgingen, betrachtet die neuere soziolinguistische Jugendsprachforschung den Sprachgebrauch von Jugendlichen selbst als ein Variationsspektrum mit unterschiedlichen Sprachstilen je nach Alter, zum Teil aber auch Geschlecht und Herkunft sowie soziokultureller Selbstzurechnung.
Jugendsprache ist durch eine besondere innere und äußere Mehrsprachigkeit gekennzeichnet, und zwar:
- Innere Mehrsprachigkeit durch Mischungen verschiedener Stilebenen, durch sog. „Bricolagen“ (d. h. Abwandlung von Redewendungen und Phraseologismen oder von bekannten Sprachmustern z. B. aus der Werbung oder aus Filmen), sowie durch Zitationen und Spiele mit „fremden Stimmen“ (v. a. in unmarkierten Formen von Redewiedergaben durch phonetische, prosodische und stilistische Veränderungen); weiterhin durch Varietätenwechsel, z. B. zu fachsprachlichen Registern beim Thematisieren von Sport-, Mode- oder Musikstilen mit einem hohen Anteil von Fachwortschatz und fachsprachlichen Stilmitteln („… Lieber einen coolen Freeze beim Breaken als einen komischen, verkrampften Powermove ohne stylischen Abgang…“).
- Besonders aufschlussreich im Hinblick auf innere wie äußere Mehrsprachigkeit ist aber auch der Gebrauch von Entlehnungen, heute v. a. Anglizismen, während in der historischen Studentensprache des 17. bis 19. Jahrhunderts Entlehnungen aus den Bildungssprachen Griechisch, Latein und auch Französisch dokumentiert sind.
Inzwischen kann als gut belegtes Faktum gelten, dass die Anzahl der jugendsprachlichen Anglizismen in der Öffentlichkeit heute maßlos überschätzt wird. Das umfangreiche Korpus des Wuppertaler DFG-Projekts weist nur einen verschwindend geringen Anteil von Anglizismen bei den Jugendlichen auf, wobei allerdings Gesprächssituationen, -themen und vor allem Textsorten zu unterscheiden sind. So ist z. B. der jugendsprachliche Wertungsausdruck cool, für den der höchste Bekanntheits- und Nutzungsgrad festgestellt werden konnte, ein Anglizismus; aber auch der Wertungsausdruck krass, der aus dem Lateinischen stammend schon in der historischen deutschen Studentensprache belegt ist, stellt eine Entlehnung dar, die allerdings kaum noch als eine solche erkannt wird.
Von sprachwissenschaftlicher Seite wird immer wieder die fast ausnahmslos korrekte Integration der Entlehnungen in das deutsche Flexionssystem hervorgehoben: Ob angeturnt, gefrustet oder abgechillt werden die nicht-nativen Stämme jeweils regelgerecht in das deutsche Tempussystem integriert.
Der anscheinend steigende Anteil von Migrantensprachen als Gebersprachen von jugendsprachlichen Entlehnungen ist ein Prozess, den wir künftig noch genauer beobachten müssen. Eine solche Entwicklungstendenz liegt allerdings nahe als eine Folge zunehmender Sprachkontakte und Multikulturalität in deutschen Schulen.
- Als Zeichen äußerer Mehrsprachigkeit der Jugendsprache können wir schließlich jene Mischungsphänomene ansehen, die im Kontext von Zwei- und Mehrsprachigkeit als Sprachkreuzungen mit Migrantensprachen erfolgen und als Türken- bzw. Russendeutsch, Kanakoder Kiezsprache bezeichnet werden.
Sprachkreuzungen sind oftmals Ergebnisse willkürlicher Konstruktionen von Jugendlichen im spielerischen Umgang mit Ethnizität. Ein solches Spiel mit fremden Sprachen wird in der linguistischen Jugendsprachforschung auch als „Languaging“ bezeichnet.
Innovation und Konvention:
Wie die bisherigen Beispiele zeigen, sind Jugendliche Sprachakteure, die konventionelle Ausdrucksweisen und Sprachmuster abwandeln und neu gestalten, was als Zeichen sprachlicher Kreativität und Kompetenz angesehen werden kann. Die linguistische Jugendsprachforschung beschreibt und analysiert solche Veränderungen des Sprachgebrauchs und fragt weiter nach den Auswirkungen auf die Standardsprache. Sprachliche Innovation bildet nicht unbedingt einen Gegensatz zur Sprachkonvention, die im Bereich grammatischer Regeln, besonders der Wortbildung und Syntax im Generationenwechsel relativ konstant bleiben.
Inwieweit lexikalische, semantische und pragmatische Innovationen im Zuge der Prozesse von Stilbildung und Stilverbreitung von anderen Sprachbenutzern übernommen werden, vermag allerdings die linguistische Jugendsprachforschung nicht zu prognostizieren, wenn auch Medien als Promotoren von Sprachwandel wirken und der Prestigefaktor von Jugendsprachgebrauch heute eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
Die Wuppertaler Beiträge zur Jugendsprachforschung, sowohl das DFG-Projekt als auch die kleineren Folgeprojekte (z. B. zu Internationalismengebrauch und Mehrsprachigkeit bei Jugendlichen, zu Registerdifferenzen von Schülersprache, Schulsprache und Unterrichtssprache) haben der internationalen Jugendsprachforschung einige bedeutsame Impulse verleihen können:
- Im Jahr 2001 wurde eine internationale Fachkonferenz zur Jugendsprachforschung an der Bergischen Universität durchgeführt. Forscher aus vier Kontinenten, darunter die Vereinigten Staaten, Japan und China sowie Australien beteiligten sich an der Forschungsdiskussion, die später als Sammelband publiziert wurde. Diese Fachkonferenz, der weitere in Dänemark und der Schweiz folgten, initiierte und verstärkte erfolgreich die internationale Vernetzung der Jugendsprachforschung.
- Zu den Themen: Jugend – Sprache – Literatur (Wintersemester 2000/01) sowie: Kulturelle Aneignungs- und Ausdrucksformen von Jugendlichen (Wintersemester 2009/10) wurden zwei Ringvorlesungen an der Bergischen Universität durchgeführt, an denen sich Kolleg/- innen aus verschiedenen Disziplinen, darunter die Philologien, Psychologie und Sozial- sowie Bildungswissenschaft, aber auch Musik- und Sportwissenschaft, mit Beiträgen beteiligt haben, in denen Jugendliche im Mittelpunkt der interdisziplinären Betrachtung standen.
- Insgesamt zehn Bände sind inzwischen in einer soziolinguistischen Reihe (Sprache – Kommunikation – Kultur, hgg. v. Eva Neuland im Peter Lang-Verlag] erschienen bzw. im Erscheinen begriffen, darunter Dokumentationen von drei internationalen Fachkonferenzen zur Jugendsprache, die beiden Ringvorlesungen sowie Dissertationen aus der Bergischen Universität – u. a. zum Handlungsmuster des Lästerns (Schubert) und zur Jugendsprache im Deutschunterricht (Barandaranossadat). 2008 erschien der UTB-Band zur Jugendsprache (hgg. v. Eva Neuland).
- Langjährige internationale Forschungskooperationen werden unter sprach- und kulturkontrastiven Aspekten weiterbetrieben und z. B. auf Bereiche der Medienkommunikation Jugendlicher ausgedehnt. Weitere Dissertationen werden in der nächsten Zeit folgen, die sich mit der Rolle der Jugendsprache beim DaF-Erwerb (Schenberger), mit sprachkontrastiven Analysen (Colinet Tachouala), mit deutsch-türkischen Sprachmischungen in Schule und Deutschunterricht (Steffin) und mit dem privaten Schreiben Jugendlicher (Runschke) beschäftigen.
Schließlich befindet sich ein neues Forschungsprojekt in der Phase der Antragsstellung, das den Wandel von Ausdrucks- und Funktionsweisen sprachlicher Höflichkeit in der heutigen Jugendgeneration analysieren wird.
www.fba.uni-wuppertal.de/germanistik
