"Requiem": Grabmäler im Fokus eines Forschungsprojekts
Totenkult und der Wille zur Macht
von Prof. Dr. Arne Karsten / akarsten@uni-wuppertal.de
Jeder Rom-Besucher kennt die prächtigen Grabmäler, die in den zahllosen Kirchen der Ewigen Stadt vom Ruhm längst verstorbener Päpste und Kardinäle künden. Doch sind die eindrucksvollen Marmor-Ensembles nicht nur als Kunstwerke interessant, sondern ebenso als Zeugen für die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Erforschung dieser Grabmäler.
Zu allen Zeiten haben gesellschaftliche Eliten ihre Stellung durch die kunstvolle Inszenierung der Vergangenheit in Gestalt von Grabmonumenten und Denkmälern zu legitimieren gesucht. Selten jedoch spielte die aufwendige Erinnerung an die Vorfahren eine so große Rolle wie im Rom der Renaissance und des Barock. Davon kann sich noch heute jeder Besucher der Ewigen Stadt überzeugen, wenn er die zahlreichen römischen Kirchen betritt.
Von der einfachen Marmorplatte bis zu kostspieligen skulpturalen Meisterwerken reicht die Bandbreite der Produktion. Ob Michelangelo oder Guglielmo della Porta, ob Alessandro Algardi oder Gianlorenzo Bernini: Viele der bedeutendsten Künstler der Renaissance und des Barock zeichneten für die Gedenkmonumente der römischen Führungsschicht verantwortlich, und so stellt sich die Frage nach dem warum dieser in Quantität wie Qualität eindrucksvollen Grabkultur.
Abb. 1: Das Grabmal des Kardinals Louis
d‘Albret († 1465) in der römischen Kirche Santa
Maria in Aracoeli zeigt die typischen Elemente
eines kostbaren Klerikergrabmals in der Renaissance:
Über dem Sockelgeschoss mit Wappen
und einer Inschrift, die über die Taten des Kardinals
berichtet, befinden sich Heiligenfiguren
und die liegende Skulptur des Verstorbenen in
geistlicher Kleidung.
Quelle (Abb. 1-3): Bilddatenbank des REQUIEM-Projekts
Im ersten Moment scheint die Antwort auf die Omnipräsenz prachtvollen Totengedenkens in Rom auf der Hand zu liegen: Nach katholischer Lehre ist es nicht nur ein Gebot der Frömmigkeit, der Toten zu gedenken, sondern das Gebetsgedenken für die Verstorbenen ist geradezu von zentraler Bedeutung. Das ist tatsächlich der Fall – und doch nicht der Grund für die prächtigen Marmormonumente in den Kirchen. Denn für die Aufforderung an die Nachwelt, die Toten in ihr Gebet einzuschließen und für ihr Seelenheil zu bitten, genügt eine schlichte Grabplatte mit einem „ORATE PRO EO“ („Betet für ihn“).
Problematisch wird es in dem Augenblick, in dem der Erinnerungsaufwand über ein derartig zurückhaltendes Werk hinausgeht, konkret: in dem aus der bescheidenen Grabplatte ein aufwendiges Grabmal wird. Damit nämlich tritt an die Stelle der Sorge für das Seelenheil der profane, diesseitige Personenkult, und für den gab es zu keiner Zeit eine wie auch immer geartete theologische Rechtfertigung. Ganz im Gegenteil zog sich der Kampf gegen die exzessive Verherrlichung berühmter Vorfahren wie ein Leitmotiv durch die Kirchengeschichte. Und dieser Kampf gewann im Zeitalter der Reformation durch die protestantische Kritik am eitlen Pomp der Papstkirche noch an Schärfe.
Auch innerkatholische Reformkreise kämpften erbittert gegen den Grabmalsprunk. So setzte im Jahre 1542 Giovanni Matteo Giberti, Bischof von Verona, auf einer Diözesansynode den Beschluss durch, die Neuerrichtung von Gedenkmonumenten in den Kirchen zu verbieten; und die Wortwahl dieses Beschlusses lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie ernst er gemeint war: „Wir verbieten für die Zukunft strengstens, dass ohne unsere Erlaubnis neue Grabmäler errichtet werden (...); und die Grabmäler, die es zur Zeit gibt, sollen weggeschafft werden, oder es möge dafür gesorgt werden, dass sie von denen entfernt werden, die mit diesen Grabmälern zu tun haben.
Wir verachten die Prachtentfaltung von einigen, die sich vermessen, Grabmäler zu errichten, die mit wunderbarer Kunstfertigkeit und größten Kosten hergestellt wurden (...) und nicht der Erde die Erde zurückgeben wollen; so dass selbst nach dem Tod des Fleisches die weltliche Hoffart fortdauert, während doch der Ort der Erde allein die Erde ist und es ganz gleich bleibt, ob der Körper sich in einem ehrenvollen Monument auflöst oder in einem elenden Loch im Boden stinkt.“
Abb. 2: Gianlorenzo Berninis Grabmal für Papst Alexander VII. (1655 –1667) im Petersdom
stellt einen Höhepunkt der römischen Barockkunst überhaupt dar. Die Figur des
verstorbenen Pontifex kniet in pompöser Demut über einem Kreis von vier weiblichen
Tugendallegorien, während unter einem schweren Tuch aus rotem Marmor der Knochenmann
als Verkörperung des Todes mahnend sein Stundenglas erhebt.
Will man diese Frage beantworten, so muss man den Blick von der Theologie zur politischen und gesellschaftlichen Realität im Rom der Frühen Neuzeit wenden. Vor allem gilt es, an die einzigartige politische Verfassung des Kirchenstaates als einer kirchlichen Wahlmonarchie zu erinnern: Die Päpste waren in dieser Epoche nicht nur Oberhaupt der katholischen Christenheit, sondern zugleich Herren des Kirchenstaates. Als solchen kam ihnen der Rang eines weltlichen Fürsten zu, mit der wichtigen Besonderheit, dass die Bildung einer Dynastie wegen des Zölibats nicht möglich war, da die Päpste keine (legitimen) Kinder hatten.
Während in den allermeisten Staaten Europas die Regierungsgewalt vom Vater auf den Sohn vererbt wurde, wechselten somit in Rom nicht nur die Herrscher in raschem Rhythmus, sondern mit ihnen auch die Herrscherfamilien und ihre Anhängerschaft. Daraus resultierte eine ungewöhnlich intensive Konkurrenz um den sozialen Aufstieg; man ist versucht von einer „Hyperkonkurrenz“ zu sprechen, die den idealen Nährboden für eine intensive, tatsächlich ja auch bis heute bestaunte künstlerische Produktivität auf allen Gebieten schuf. Denn jede neue Papstfamilie bedurfte der Legitimation für ihren Aufstieg, und was verschafft mehr Legitimation als großzügige Kunstförderung (wer daran zweifelt, schaue sich die Kunst- und Kulturförderungseinrichtungen heutiger Großkonzerne an!).
Legitimation durch Mäzenatentum war das eine, Legitimation durch Tradition ein anderes wichtiges Ziel der römischen Eliten. Und gerade in der Erinnerungskultur fiel beides zusammen. Im Medium der Grabkunst konnten die Angehörigen der römischen Oberschicht immer wieder auf herausragende Familienangehörige verweisen, um damit die gesellschaftliche Position in der Gegenwart und für die Zukunft zu stabilisieren. Und dieser Verweis musste – eine Folge der intensiven Konkurrenzsituation – in möglichst neuen, aufsehenerregenden Formen erfolgen.
Wer in Rom auf sich hielt, verfügte deswegen nicht nur über (mindestens) eine Grab- und Familienkapelle, sondern stattete diese dem Zeitgeschmack entsprechend aus. Die scheinbar für die Ewigkeit bestimmte marmorne Erinnerung an die Vorfahren gewinnt dadurch aus der „Vogelperspektive“ über die Jahrhunderte hinweg eine erstaunliche Lebendigkeit. Denn im ständigen Wechsel auf- und absteigender Familien, unter den chancen-, aber eben auch risikoreichen sozialen Wettbewerbsbedingungen der römischen klerikalen Wahlmonarchie gelang es nicht vielen Familien, ihren Status dauerhaft zu behaupten; und ein kontinuierlicher Wechsel bei den Patronaten von Kapellen führte zu einer ebenso kontinuierlichen Erneuerung der dort aufgestellten Grabmale. Wer mochte schon der Verlierer gedenken?
Doch selbst in den Fällen, in denen eine Familie sich zu behaupten wusste – und auch an solchen gab es im frühneuzeitlichen Rom eine kleine, aber immer noch signifikante Gruppe – führte das noch lange nicht dazu, dass man die Grabmale ihrer Vorfahren mit unerschütterlicher Kontinuität aneinander reihte.
Hier haben wir es mit einem eigentlich überraschenden Phänomen zu tun: sollte nicht im Dienste einer möglichst eindrucksvollen Traditionsinszenierung der Verweis auf die seit Jahrhunderten in ihrer Gruft modernden Gebeine der Vorfahren, zumal sie ja in ansprechenden marmornen Formen verkleidet waren, eine besondere Anziehungskraft auf die stets um Altersnachweise bemühten frühneuzeitlichen Familienverbände ausgeübt haben? Musste nicht mit jedem Sarkophag, der in der Familienkapelle hinzukam, mit jeder Generation, die den Stammbaum weiter in die Geschichte zurückführte, dieser um so ehrwürdiger und ehrfurchtgebietender wirken?
Der erstaunliche Befund, jedenfalls für die römische Grabmalskultur, lautet jedoch anders. Ältere Grabmäler werden immer wieder umgebaut oder verschwinden ganz, um Platz für jüngere Generationen zu machen – auch der Tod hat eine Halbwertzeit.
Abb. 3: Das Grabmal für Papst Gregor XV. (1621 – 1623) und seinen Neffen und Kardinal
Ludovico Ludovisi in der römischen Jesuitenkirche Sant‘ Ignazio entstand mit
fast hundertjähriger Verspätung erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Weil der Orden
sich damals in einer existenzbedrohen-
den Krise befand, entsann er sich seines
großen päpstlichen Förderers und ließ die Erinnerung an ihn mit unvergleichlich
suggestiver Pracht inszenieren.
Ein Grabmal konnte als aggressives politisches Manifest dienen, wie im Falle des Monumentes für Papst Leo XI. de’Medici (1605) oder zur Rechtfertigung eines in politischen Schwierigkeiten steckenden Ordens genutzt werden, wie sich am Beispiel der Grablege Papst Gregors XV. Ludovisi (1621 – 1623) zeigen lässt. Hier waren es die Jesuiten, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Sant’ Ignazio, der zweiten römischen Hauptkirche des Ordens, mit Hilfe einer triumphalen Formensprache an eine glorreiche Vergangenheit erinnerten, um von den Problemen der Gegenwart abzulenken.
Aufschlussreich für das Selbstverständnis der frühneuzeitlichen Päpste ist die Tatsache, dass wir an ihren Grabmälern vor allem ihre weltliche Rolle ins Bild gesetzt finden. Im Falle Innozenz XI. Odescalchi (1676 – 1689) ist es gar die Befreiung Wiens von der türkischen Belagerung 1683, die sein Grabrelief feiert; nicht zu Unrecht übrigens, war es doch nicht zuletzt den diplomatischen Bemühungen des Pontifex zu verdanken gewesen, dass ein Verteidigungsbündnis christlicher Herrscher zustande gekommen war.
Die Liste an aufschlussreichen politischen und sozialen Entstehungskontexten wäre lang; sie verdeutlicht, in welchem Maße die Analyse der römischen Grabkultur zwischen 1420 und 1800 geeignet ist, nicht nur die Geschichte der Ewigen Stadt zu verstehen, sondern grundsätzliche Rückschlüsse auf die Entwicklung von Kunst und Gesellschaft sowie das zwischen diesen beiden Bereichen bestehende Wechselverhältnis zu gestatten.
In praktischer Hinsicht besteht die Arbeit des „REQUIEM“-Projektes neben der Erforschung von Form und Entstehungsbedingungen einzelner Monumente im kontinuierlichen Ausbau der eingangs erwähnten, internettauglichen Datenbank.
Der bipolaren, historisch-kunsthistorischen Ausrichtung des Projektes gemäß besteht sie aus zwei Teilen: einerseits betrifft sie die erhaltenen Grablegen von Päpsten und Kardinälen, deren Gestalt, Entstehungszeitraum, Auftraggeber, die beteiligten Künstler etc. Andererseits geht es um eine personengeschichtliche Datenbank zu den Kardinälen der Frühen Neuzeit, ihren familiären und klientelären Bindungen, ihren Karrieren, Einnahmen und Ämtern. Auf diese Weise soll die Grundlagenforschung der in den römischen Bibliotheken und Archiven gesammelten Daten zugleich in exemplarischer Weise die computergestützte Erschließung von sozialen Strukturen einer frühmodernen Herrschaftselite ermöglichen.
www.requiem-project.eu
